ⓘ Hinweis zur Einordnung dieser Fallstudie
Diese Fallstudie ist eine fiktive Analyse auf Basis öffentlich zugänglicher Quellen. Sie zeigt, wie ein erfahrener Interim Manager im Customer Service in einer vergleichbaren Situation vorgehen könnte. Sie dient ausschließlich Bildungs- und Illustrationszwecken.
Die dargestellten Serviceprobleme (IT-Transformation, Zahlungsverzögerungen, Bundesnetzagentur-Verfahren) basieren auf realen, öffentlich belegten Ereignissen bei der Westnetz GmbH (Quellen: WAZ, Spiegel, Bundesnetzagentur u. a.). Es bestand zu keinem Zeitpunkt ein reales Mandat oder eine Zusammenarbeit mit der Westnetz GmbH. Der beschriebene Lösungsansatz ist eine unabhängige, hypothetische Empfehlung.
Alle Angaben wurden nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Eine Gewähr für Vollständigkeit, Richtigkeit oder Aktualität wird nicht übernommen.
Ein Monopolist unter Druck
Die Westnetz GmbH ist mit über 7 Millionen Kunden und 175.000 Kilometern Leitungsnetz Deutschlands größter Verteilnetzbetreiber. Als Tochtergesellschaft der Westenergie AG (E.ON-Konzern) versorgt sie weite Teile von Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen. Seit 2024 häufen sich jedoch Beschwerden in einem Ausmaß, das regulatorische Konsequenzen nach sich zog.
„Wenn es weit über ein Jahr lang offenbar nicht möglich ist, die Kunden auszuzahlen, dann ist das nicht akzeptabel. Der Boom der Photovoltaikanlagen ist jedenfalls sicher nicht über Nacht gekommen."
— Thomas Zwingmann, Energieexperte Verbraucherzentrale NRW (WAZ, 02.08.2025)Wie die Krise eskalierte
Die Serviceprobleme bei Westnetz sind das Ergebnis mehrerer sich überlagernder Entwicklungen, die sich über mehrere Jahre aufgebaut haben.
Die vier Krisenursachen
Die Servicekrise bei Westnetz ist nicht monokausal. Sie entstand aus dem Zusammenspiel von vier sich gegenseitig verstärkenden Problemfeldern.
IT-Transformation (SPACE)
Die Migration auf eine einheitliche SAP-Systemlandschaft führte zu massiven Problemen bei der Datenmigration. Besonders die Abrechnung von Einspeisevergütungen wurde blockiert. Der Umbau wurde als „hochkomplex und hochsensibel" beschrieben, die Komplexität jedoch unterschätzt.
Nachfrageboom Erneuerbare Energien
Das Osterpaket 2022 löste einen Ansturm auf Netzanschlüsse aus, der die Kapazitäten von Westnetz weit überstieg. Die Zahl der PV-Anschlussanfragen vervierfachte sich innerhalb von zwei Jahren. Dieser externe Schock traf auf eine Organisation, die gleichzeitig intern transformiert wurde.
Strukturelle Service-Schwächen
Der Kundenservice war weder personell noch prozessual auf die Krise vorbereitet. Kunden berichten von langen Wartezeiten, unbeantworteten E-Mails, fehlenden Rückrufen und inkonsistenten Informationen. Die Kommunikation beschränkte sich auf Standardfloskeln statt auf ehrliche Statusinformationen.
Regulatorische Versäumnisse
Als Netzbetreiber ist Westnetz gesetzlich verpflichtet, Einspeisevergütungen bis zum 15. eines Monats auszuzahlen. Die systematische Verletzung dieser Pflicht über Monate und Jahre hinweg führte zum Aufsichtsverfahren der Bundesnetzagentur und zu Ansprüchen auf Verzugszinsen.
Das Ausmaß der Krise in Daten
Die folgenden Visualisierungen zeigen das Ausmaß des Nachfragebooms, der die Servicekapazitäten von Westnetz überforderte, sowie die Verteilung der Kundenbeschwerden.
Der Interim-Management-Plan: Drei Phasen zur Stabilisierung
Ein erfahrener Interim Manager im Customer Service würde bei Westnetz nach einem dreiphasigen Ansatz vorgehen: sofortige Stabilisierung, Wiederherstellung der operativen Handlungsfähigkeit und strukturelle Zukunftssicherung.
Sofortiger Stabilisierungsmodus
Ziel: Kontrolle zurückgewinnen, kritische Fälle lösen, Schaden begrenzen
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Normalbetrieb aussetzen: Kein „Business as usual" in einer Krisensituation. Der gesamte Betrieb wird auf Krisenmanagement umgestellt, bis die Lage unter Kontrolle ist.
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Regulatorische Fälle zuerst: Alle Fälle mit EEG-Relevanz (ausstehende Einspeisevergütungen) erhalten höchste Priorität, da sie rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Presse- und Anwaltsthemen werden gesondert behandelt.
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Backlog nach Risiko clustern: Der Bearbeitungsstau wird in klare Themencluster aufgeteilt: Einspeisevergütung, Netzanschluss, Zähler- und Lieferantenwechsel, allgemeine Statusanfragen. KI-gestützte Klassifizierung (unter DSGVO-Compliance) beschleunigt die Sortierung.
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Teams nach Problemtyp neu strukturieren: Abkehr von der klassischen Wasserfallbearbeitung. Kleine, fokussierte Taskforces mit klaren Verantwortlichkeiten und Tageszielen je Cluster.
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Standardanfragen auslagern: Einfache Statusabfragen werden kurzfristig an externe BPO-Partner delegiert, mit klaren Skripten, FAQ und täglicher Qualitätskontrolle. Interne Experten werden für kritische Fälle freigestellt.
Operative Handlungsfähigkeit herstellen
Ziel: Blockaden lösen, Mitarbeitende befähigen, Kommunikation steuern
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Kulanzrahmen temporär erhöhen: Mitarbeitende erhalten klar definierte Entscheidungsspielräume, ohne jede Gutschrift oder Zwischenlösung durch mehrstufige Freigaben schleusen zu müssen. Kontrolle durch Monitoring, nicht durch Vorabgenehmigung.
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Tägliche Lageführung (max. 30 Min.): Strukturiertes Stand-up mit Entscheidungsträgern: Was wurde gestern erledigt? Was ist heute das wichtigste Ziel? Was blockiert uns? Welche Entscheidung wird benötigt? Blocker werden sofort gelöst oder verbindlich zugewiesen.
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Proaktive Kundenkommunikation: Kunden werden nicht mehr auf eine dritte Nachfrage warten gelassen. Für kritische Fälle (insbesondere ausstehende Einspeisevergütungen) werden proaktive Statusmeldungen mit klaren Zeitangaben versandt. Ehrlich und konkret, ohne Standardfloskeln.
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Service als Krisenradar: Beschwerden, Wiederholkontakte und Eskalationen werden täglich ausgewertet und als Frühwarnsignale an Management und Fachbereiche zurückgespiegelt. Der Kundenservice wird zum strategischen Informationslieferanten.
Mittelfristige Zukunftsschiene
Ziel: Strukturelle Ursachen beheben, KI integrieren, IT-Fallbacks etablieren
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KI-Strategie vom Kunden her denken, nicht als IT-Projekt: Nicht einfach „einen Bot kaufen". Erst Use Cases (beginnend mit den einfachsten), Datenqualität, Prozesse und Eskalationslogik klären. KI dort einsetzen, wo sie wirklich entlastet.
⚠️ Wichtig: KI ist kein IT-Projekt, sondern ein Projekt aus Sicht des Kunden. Der Kundenservice bleibt auch im Live-Betrieb verantwortlich für Prompting, Wissensdatenbank und Qualitätskennzahlen. Nicht die IT-Abteilung. -
Service-Fallback für IT-Transformationen: Vor jedem großen Go-live muss der Kundenservice verbindlich folgende fünf Fragen beantworten. Und zwar vor dem Go-live, nicht erst nach den ersten Beschwerden:1Was passiert, wenn Fälle hängen bleiben? – Manuelle Workarounds und Verantwortlichkeiten vorab definieren.2Wer kommuniziert mit Kunden? – Klare Zuständigkeit, nicht erst im Krisenfall klären.3Welche manuellen Workarounds gibt es? – Für jeden kritischen Prozess einen Fallback ohne IT-System.4Welche Kulanzregeln gelten? – Temporäre Kulanzrahmen für Übergangszeitraum festlegen.5Welche Fälle werden sofort eskaliert? – Eskalationspfade und Schwellenwerte schriftlich fixieren.
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Customer Service früh einbinden: Der Kundenservice muss bereits in der Testphase, der Kommunikationsplanung und der Risikoanalyse von IT-Projekten vertreten sein. Wer erst nach dem Go-live einbezogen wird, kommt zu spät.
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Führung auf Entscheidungsfähigkeit ausrichten: Weniger Abstimmungsschleifen, mehr Orientierung. Klare Leitplanken, klare Prioritäten, schnelle Entscheidungen. Ziel ist operative Handlungsfähigkeit, nicht perfekte Prozessoptik.
Backlog-Cluster und Bearbeitungsreihenfolge
Im Krisenfall bei Westnetz würde der Backlog nach folgendem Risikoschema priorisiert und auf dedizierte Teams verteilt:
| Priorität | Cluster | Beispiele bei Westnetz | Begründung | Tagesziel |
|---|---|---|---|---|
| 🔴 P1 – Kritisch | Regulatorische Beschwerden | Ausstehende EEG-Vergütungen > 6 Monate, Bundesnetzagentur-Eskalationen, Anwaltsschreiben | Gesetzliche Zahlungspflicht verletzt; Verzugszinsen und Bußgelder drohen | 100 % der P1-Fälle täglich bearbeitet oder verbindlich terminiert |
| 🟠 P2 – Hoch | Finanzieller Schaden | Ausstehende Vergütungen 1–6 Monate, falsche Abrechnungen, fehlende Abschlagszahlungen | Direkter finanzieller Schaden für Kunden; Eskalationsrisiko hoch | Alle P2-Fälle erhalten proaktive Statusmeldung mit konkretem Lösungsdatum |
| 🔵 P3 – Mittel | Netzanschluss / Zähler | Verzögerte Netzanschlüsse für PV-Anlagen, Smart-Meter-Einbau, Zählerwechsel | Blockiert Energiewende-Projekte; hohe Wiederholkontaktrate | Klare Zeitplanung und Kommunikation an Kunden; keine offenen Anfragen ohne Status |
| 🟢 P4 – Standard | Allgemeine Statusanfragen | Bearbeitungsstand-Abfragen, allgemeine Informationsanfragen | Geringes Risiko; hohe Volumen; gut automatisierbar | Weitgehend durch externen BPO oder Self-Service abgedeckt |
Geeignete KI-Use-Cases für den Westnetz-Service
KI soll im Krisenkontext entlasten, nicht ersetzen. Die Priorisierung der Use-Cases folgt dem Prinzip: Einfaches automatisieren, Komplexes beim Menschen lassen.
Statusabfragen
Automatische Beantwortung von Bearbeitungsstand-Anfragen via Chatbot
VollautomatischFAQ-Antworten
Häufige Fragen zu Einspeisevergütung, Netzanschluss, Zähler automatisch beantworten
VollautomatischTicket-Klassifizierung
Eingehende Anfragen automatisch dem richtigen Cluster und Team zuordnen
VollautomatischDokumentenprüfung
Vollständigkeit eingereichter Unterlagen (z.B. PV-Anmeldung) automatisch prüfen
VollautomatischAntwortvorschläge
KI schlägt Mitarbeitenden passende Antworten vor; Mensch prüft und sendet
KI-AssistenzHistorien-Zusammenfassung
Lange Kundenhistorien automatisch zusammenfassen, bevor Mitarbeiter übernimmt
KI-AssistenzSentiment-Erkennung
Kritische oder emotional aufgeladene Anfragen frühzeitig erkennen und eskalieren
KI-AssistenzRegulatorische Fälle
Fälle mit rechtlicher Relevanz (EEG, Anwaltsschreiben) immer beim Menschen
Mensch entscheidetLehren aus dem Fall Westnetz
Die Servicekrise bei Westnetz ist ein Lehrstück darüber, was passiert, wenn externe Schocks (Marktboom) und interne Transformationen (IT-Umstellung) gleichzeitig auftreten, während der Kundenservice gleichzeitig als nachgelagerte Funktion behandelt wird statt als strategischer Partner.
❌ Was falsch lief
- → Customer Service wurde nicht in die IT-Transformation eingebunden
- → Kein Fallback-Plan für den Fall von IT-Ausfällen definiert
- → Kommunikation reaktiv statt proaktiv – Kunden wurden nicht informiert
- → Regulatorische Pflichten (EEG § 19) systematisch verletzt
- → Bearbeitungsstau wurde nicht nach Risiko priorisiert
- → Führungsentscheidungen zu langsam und zu weit vom Kundenkontakt entfernt
✅ Was zu tun ist
- → Sofort in den Stabilisierungsmodus wechseln und Backlog nach Risiko clustern
- → Regulatorische Fälle (EEG-Vergütungen) mit höchster Priorität abarbeiten
- → Proaktive, ehrliche Kundenkommunikation mit konkreten Zeitangaben
- → Tägliche Lageführung mit Entscheidungsträgern (max. 30 Min.)
- → KI-gestützte Klassifizierung und Automatisierung von Standardfällen
- → Service als Pflichtpartner in allen künftigen IT-Transformationen
„Der Kundenservice sieht zuerst, wo Transformationen wirklich scheitern. Beschwerden, Wiederholkontakte und Eskalationen zeigen, welche Prozesse nicht funktionieren. Diese Erkenntnisse müssen täglich an Management und Fachbereiche zurückgespiegelt werden.“
— Aus dem Interim-Management-Leitfaden Customer Service🔴 Aktuelles Signal
Westnetz hat auf den Druck reagiert: Zum 1. April 2026 wurde Gudrun Alt als neue Geschäftsführerin berufen und ein eigenes Ressort „Kunden“ geschaffen, das Kundenverantwortung bündelt und digitale Prozesse weiterentwickelt. Das ist ein erster wichtiger Schritt. Ob er ausreicht, hängt davon ab, ob die strukturellen Ursachen konsequent angegangen werden.
Quellenverzeichnis
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1Der Spiegel: „E.on-Ableger Westnetz – Kunden schimpfen über »Chaosladen«“ — Tim Bartz, Stefan Schultz, Gerald Traufetter, 05.06.2026
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2WAZ: „Ärger über Westnetz: Tausende Kunden warten auf Geld für Solarstrom" — Jürgen Polzin, 02.08.2025
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4Energie & Management: „Netzagentur leitet Verfahren gegen Westnetz ein" — Susanne Harmsen, 31.07.2025
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5Trustpilot: Kundenbewertungen westnetz.de — TrustScore 1,1 / 5 (524 Bewertungen, Stand Juni 2026)
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6PV Magazine: „Bundesnetzagentur eröffnet erstes Verfahren wegen verspäteter Zahlungen der Einspeisevergütung" — Jochen Siemer, 01.08.2025 (Retrospektive 29.12.2025)
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7Deutscher Bundestag: Mündliche Frage zum Aufsichtsverfahren der Bundesnetzagentur gegen Westnetz GmbH nach § 85 EEG — BT-Plenarprotokoll 21/64, 18.03.2026
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Interim Manager im Kundenservice – häufige Fragen
Über den konkreten Fall hinaus: die wichtigsten Fragen, die Geschäftsführung, Finanz- und Personalverantwortliche stellen, bevor sie einen Interim Manager für den Kundenservice einsetzen.
Kontakt & Austausch
Sie haben Fragen zur Fallstudie, möchten das Vorgehen für Ihr Unternehmen diskutieren oder suchen Unterstützung bei einer ähnlichen Herausforderung im Customer Service? Ich freue mich über den Austausch.
Christian Florschütz
Interim Manager Customer Service & Transformation
Einsatzgebiet: DACH-Raum · Interim Manager des Jahres 2025 (DÖIM)
🌐 florschuetz-consulting.de
